ETHOS

Auf der Flucht vor dem Krieg fand ich mich im März 2022 in der christlich-ökumenischen (evangelisch-katholischen) Gemeinde des Laurentiuskonvents Laufdorf, 70 km von Frankfurt am Main, in Deutschland. Meine Freunde und ich haben Ernst von der Recke, eine der „Säulen“ dieser Gemeinschaft, 2016 in Kiew kennengelernt. Später nahm die Gemeinde im Sommer zweimal Teenager auf, die von der Kiewer Stiftung “Kinder der Hoffnung und Liebe” betreut werden, die in 2015-2020 den Familien von Binnenvertriebenen und Soldaten geholfen hat. Wir sind seit 2016 in Kontakt, diskutierten über Christentum und Friedensförderung, veröffentlichten im Verlag “Spirit and Letter” ein Lieblingsbuch des Konvents über Jesus und die gewaltfreie Revolution, und am 24. Februar lud mich Ernsts Frau, die Bibellehrerin Marie-Noel von der Recke, ein, zu ihnen zu kommen. Am Ende landeten zwölf Ukrainer – alte und junge – aus Charkiw und Kiew in Laufdorf, von denen die meisten noch dort sind. Sie erleben eine unglaubliche (besonders angesichts der Schwierigkeiten, mit denen viele Ukrainer konfrontiert sind) christliche Gastfreundschaft – ohne jeden Hinweis darauf sie ihren Gastgebern  etwas schuldig bleiben. Die Gastfreundschaft reicht von Hilfe in allen materiellen und sozialen Belangen bis hin zu täglichen Gebeten für uns und dem Versuch, die Erfahrung des Auslandsaufenthalts so „zu Hause“ wie möglich zu machen. Ukrainer werden trotz Sprachbarrieren als Familie akzeptiert, Leben, Lebensprobleme und Urlaub mit ihnen geteilt. Es ist auch wichtig, dass wir in der Gemeinschaft Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und dem Iran getroffen haben – hauptsächlich Muslime – die früher im Konvent lebten und jetzt nur zu Besuch kommen und in der Nähe wohnen. Wir haben ihre teils unsäglich tragischen Geschichten gehört – und Ereignisse und Orte, die vorher ganz fern schienen, sind klar und nah geworden. Es sollte beachtet werden, dass die Ansichten der Gemeindemitglieder über die Situation in der Ukraine oft nicht mit der Vision der Ukrainer selbst übereinstimmen, und dies ist psychologisch schwierig, aber es beendet nicht die Freundschaft und den Dialog, sondern zwingt dazu, tiefgreifende Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Anfang April habe ich Ernst und Marie-Noel gebeten, kurze Texte darüber zu schreiben, warum sie Flüchtlingen aus der Ukraine helfen, weil es jetzt wichtig ist, die Ursprünge der europäischen Solidarität mit uns zu verstehen. Ihre Antworten, die vor Ostern speziell für ETHOS geschrieben wurden, werden unten in ukrainischer Übersetzung veröffentlicht.

Lydia Lozova, Mitglied des ETHOS-Teams

God against war – Warum wir Flüchtlingen helfen?!

Ernst von der Recke

Einige Zeit schon schiebe ich die Anfrage vor mir her. Es gab so viele praktische Aufgaben mit unseren Gästen zu klären. Heute ist Palmsonntag. Ich nehme mir Zeit, um über die mir gestellte Aufgabe nachzudenken und gleichzeitig voraus zu denken auf die Karwoche und auf Ostern.

Eine wesentliche Voraussetzung zur Aufnahme von Flüchtlingen ist, dass ich zu einer Lebensgemeinschaft gehöre. Vor etwa 40 Jahren kauften wir als Laurentiuskonvent e.V. ein ziemlich verkommenes Bauernhaus. Stall und Scheune bauten wir um zum Gemeinschaftshaus: Küche und Kapelle, Gemeinschaftsraum und Gästezimmer bilden eine Einheit. In Klöstergemeinschaften hatten wir erlebt, dass Gastfreundschaft zum Stoffwechsel des Leibes Christi, der Kirche, gehört. Ich mag die Stelle aus dem Hebräerbrief  Kapitel 13, Vers 2. „Gastfreundschaft vergesst nicht!“ Daran ist die Verheißung geknüpft: „Auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“

Ich kann das bestätigen: Gäste haben uns immer wieder angeregt, gemeinsam einen Weg in die Zukunft ausfindig zu machen. Beispielhaft ist uns die Geschichte von dem Besuch der drei Männer bei Sara und Abraham. Die Ikone der Philoxenia steht in unserer Kapelle. Gäste helfen uns, die Orientierung auf die Zukunft nicht zu verlieren. Sie relativieren die vielen kleinen Sorgen um unser selbst.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Ich wuchs auf in einem Forsthaus, weit abgeschnitten von der Zivilisation. Wenn Besuch kam, ließen meine Eltern alles stehen und liegen. Meine Mutter setzte sich mit dem Besuch hin oder bezog ihn mit ein in das, was sie gerade machte. Mein Vater ging in den Keller und holte eine Flasche Wein. Ob der Gast Wein mochte oder nicht, war nicht entscheidend. Wichtig war, sich auszutauschen und das bringt immer auch Gründe zum Danken und Feiern hervor.

Da gibt es in meinen Leben aber auch grundlegende Erfahrungen, wo ich – wenn auch nicht Flüchtling – doch fremd und suchend war.

Als Zivildienstleistender mit Aktion Sühnezeichen war ich in den USA. Ich begann, meine eigene Spiritualität auszubilden. Bei Jugendtreffen in Alabama mit Brüdern aus Taizé hörte ich zum ersten Mal einen Satz, der sich tief in mein Bewusstsein eingeprägt hat: „Der auferstandene Christus bereitet einen Frühling der Kirche, eine Kirche ohne Machtmittel, bereit mit allen zu teilen und ein Ort sichtbarer Gemeinschaft.“ Mit dieser Vision schickten mich später Brüder von Taizé mit Jugendlichen anderer Länder in die Tschechoslowakei. Die Zielmarke, „mit allen zu teilen“ war in der CSSR eine gewagte Sache. Die Kirche dort wurde damals hart verfolgt. Uns dort „sichtbar“ mit anderen Christ*innen zu treffen, hätte uns und besonders unsere Gastgeber in große Gefahr gebracht. Umso beeindruckender war für uns die Gastfreundschaft, die wir erlebten. Wir wurden begrüßt, umsorgt und verwöhnt, dass es mich machmal beschämte. Unsere neuen Freunde hielten ihrerseits Kontakt zu Christen im Untergrund in der Sowjetunion und erzählten begeistert von ihren Erlebnissen. Vermutlich waren das Begegnungen in der heutigen Ukraine. Erste Anzeichen eines „Frühling der Kirche“ waren überall spürbar.

2016 kam ich selbst mit einem Freund in die Ukraine. Sehr schnell entdeckten wir mit unseren Gastgebern die uns verbindende Freude am Evangelium.  Der gewaltfrei liebende Jesus Christus ließ uns nicht mehr los. Der Austausch über Formen und Wege eines Friedensdienstes in der Gesellschaft führte zu Einladungen nach Deutschland.

Die Einsicht „God against war“ schien für uns selbstverständlich. Was wir allerdings in Deutschland nicht gesehen haben und wofür wir blind waren, das war die reale Gefahr eines Angriffskriegs durch die russische Armee. Doch eine Brücke hatten wir aufbauen können. So konnten wir mit dem Tag des Kriegsbeginns die Aufnahme von Flüchtlingen in Angriff nehmen.

Die Mächte und Gewalten der Finsternis, gegen die wir kämpfen, können den Frühling der Kirche, wie ihn der auferstandene Christus schenkt, nicht aufgehalten. Im Gegenteil, die erneuten Opfer der Menschen in der Ukraine und anderswo rütteln Christinnen und Christen auf der ganzen Erde wach, ihre verlorene Einheit wieder zu gewinnen. Ostern feiern zu wollen, ohne auch die Kirche mit ihren vielfältigen Gliedern zu achten, macht keinen Sinn. So machen wir uns mit unseren Gästen auf in die Karwoche und freuen uns darauf, die Osterbotschaft neu zu hören.

Marie-Noelle von der Recke

Warum wir Flüchtlingen helfen?

Es fällt mir etwas schwer, diese Frage zu beantworten. Denn hinter der Entscheidung, Flüchtlinge zu helfen steht nicht nur eine momentane Überlegung, sondern eine Lebensweise, die ich seit nun mehr als 36 Jahren mit den Menschen im Laurentiuskonvent, einer ökumenischen Lebensgemeinschaft, geteilt habe. Diese Lebensweise  wiederum konkretisiert das, was ich in meiner geistlichen Herkunftsfamilie – der täuferisch-mennonitischen Gemeinde – schon vorher gelernt und erlebt hatte. Hier nun einige – zugegeben ungeordnete – Gedanken zu dieser Frage:

Meine spontane Reaktion auf die Fragestellung ist: Flüchtlingen helfen ist doch das Mindeste, was wir tun können! Eine bescheidene, praktische Antwort auf das Elend, in das der Krieg Menschen stürzt. Als Lebensgemeinschaft haben wir Räume, um mehrere Menschen aufzunehmen. Also tun wir es.

Was wir tun ist auch eine Antwort auf das Ohnmachtsgefühl, das sich breit macht und uns lähmen will, im Angesicht von Ereignissen, auf die wir keinen direkten Einfluss haben. Da nutzen die Klagerufe darüber, was „wir“ (als Einzelne, als Friedensbewegte, als Gesellschaft, als Staaten?) in den vergangenen Jahren falsch gemacht haben, recht wenig. Handeln ist gefragt, auf unserer Ebene, wo es geht und wie es geht. Und ich merke, dieses Tun ist für mich heilsam, auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Das Gestalten des Alltags mit den Menschen, die zu uns gekommen sind hindert mich daran, an der verzweifelten Situation unserer Welt zusammenzubrechen. Es ist ein ganz kleiner Sieg über das Böse. Ein Zeichen gegen den Geist der Zerstörung.

Der Laurentiuskonvent hat eine lange Tradition im Engagement für den Frieden und im diakonischen Bereich. Die Schwerpunkte dieses Engagements haben sich im Laufe der Jahrzehnte den jeweiligen Dringlichkeiten angepasst. In den 80er Jahren, als ich dazu gestoßen bin, ging es besonders um das Thema Abrüstung. Später beschäftigten wir uns darüber hinaus mit den Methoden gewaltfreier Konfliktlösung. Das war auch die Zeit in der immer mehr Menschen nach Westeuropa Zuflucht suchten. Sie kamen aus Somalia, Kongo,Türkei und den Balkan. Wir versuchten zu tun, was wir konnten. Eine Zeitlang lebten bei uns illegal kurdische jugendliche, um eine Abschiebung in die Türkei zu entkommen. 

Bei anderen Kriegen (Balkan in den 90er, Syrien in 2016) haben wir auch Geflüchtete in unsere Gemeinschaft aufgenommen – Menschen, die wir vorher nicht kannten. Durch einen Besuch in der Ukraine 2016 und Gegenbesuche bei uns 2017 und 2018  sind Freundschaften entstanden. Menschen, sind uns wichtig geworden. Sie haben uns an ihrer Sorgen Teil haben lassen. Und so war es selbstverständlich, Ende Februar zu sagen: Kommt zu uns, wenn es nötig wird! Es wurde viel schneller nötig als wir dachten.

Was mich in der jetzigen Situation besonders bewegt und motiviert ist, dass durch unsere Gäste unsere ökumenische Vielfalt spannender denn je geworden ist. Die erweiterte Gemeinschaft, die in den letzten Wochen entstanden ist mag provisorisch sein. In ihr erleben wir einen Austausch, der uns/mich innerlich wachsen lässt. Da gibt es traurige und fröhliche Momente, sogar Feste, Gespräche um praktische Dinge des Alltags und die Auseinandersetzung mit den schlimmen Nachrichten. Im Austausch mit unseren Gästen wird unsere Einstellung zur Gewaltfreiheit des Evangeliums auf die Probe gestellt, denn das offensichtliche Unrecht, das auf die Ukraine ausgebrochen ist, schreit nach Antworten. Der Ruf nach militärischer Unterstützung erklingt in jeder Ansprache des ukrainischen Präsidenten. Waffen werden geliefert. Deutschland erhöht sein Rüstungsetat. Was sagen wir dazu? Wir haben schon so oft erlebt, wie gewaltsame Interventionen gegen eklatantes Unrecht in Diktaturen die Spirale der Gewalt angekurbelt haben und das Los so vieler Menschen verschlimmert. Wir verurteilen entschlossen die Russische Invasion, wissen aber auch, dass der Westen in der Region eigene Interessen verfolgt, die keineswegs nur humanitär sind. In der Gemeinschaft mit unseren Gästen gilt es, bei unseren Werten zu bleiben. Noch mehr Waffen werden nicht zum Frieden führen. Den Opfern von Gewalt Feindesliebe zu lehren steht uns aber nicht zu. Für mich ganz wichtig ist, dass wir die Sorgen und Fragen, die uns plagen, gemeinsam in unserer Kapelle vor Gott bringen können. Die Worte – und besonders die Klagen – der Psalmen und die anderen Texte, die wir auf Karfreitag und Ostern zu gemeinsam hören sprechen uns an mit einer Intensität, die im „normalen“ Alltag nicht immer da ist.

Wir sind Lernende, denn vieles über die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und Ukraine in der Vergangenheit war uns nur oberflächlich bekannt. Wir fangen an, die Komplexität der religiösen Dimension des Konfliktes zu erahnen, und gerade die Erkenntnisse aus dieser Entdeckung öffnen unser Horizont für eine Welt, welche uns vielfach fremd ist. Jahrzehntelanger ökumenischer Dialog hat offensichtlich nicht zu einem tieferen Verständnis geführt. Eine ernüchternde Feststellung! Auch da ist es wichtig, nicht zu schnell zu meinen, wie Lösungen auszusehen haben.   

Wenn also mir die Frage gestellt wird: warum nehmt Ihr Flüchtlinge aus der Ukraine auf, gehören alle diese Elemente zu meiner Antwort:  es geht mir darum, mit Menschen einen Stück weg zu gehen. Mit ihnen im Austausch sein. Ihre Geschichte kennen zu lernen. Und vor Allem: mit ihnen Gottes Nähe spüren durch alle Trostlosigkeit hindurch.  

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